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Schweizer Aussenpolitik
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Schweizer Aussenpolitik
von: Paul Widmer
NZZ Libro, 2013
ISBN: 9783038239888
456 Seiten, Download: 3216 KB
 
Format: EPUB
geeignet für: geeignet für alle DRM-fähigen eReader PC, MAC, Laptop Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones Online-Lesen Apple iPad, Android Tablet PC's

Typ: B (paralleler Zugriff)

 

 
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Leseprobe

Vorwort

Personen machen Geschichte. Und die Geschichte macht Personen. Niemand kann sich den Zeitbedingungen entziehen. Jeder Mensch kann sich nur so entfalten, wie es die geschichtlichen Verhältnisse erlauben. Was hätte ein genialer Atomphysiker machen können, wenn er 1313 geboren wäre? Was könnte ein Topmanager bewirken, wenn ihm nicht ganze Stäbe zuarbeiteten? Wir alle hängen von der Vorarbeit von Millionen in der Vergangenheit und der Mitarbeit von Tausenden in der Gegenwart ab. Was der Einzelne ausrichtet, ist gering im Vergleich zu dem, was durch die geschichtlichen Strukturen bereits vorgegeben ist. Deshalb geriet die Einzelbiografie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts unter Historikern etwas in Verruf. Die tonangebenden Schulen dekretierten, man verteile die Gewichte falsch, wenn man die Bedeutung von Persönlichkeiten hervorhebe; Strukturen und Kollektive zählten, nicht der Einzelne. Schon Bert Brecht hatte über die traditionelle Geschichtsschreibung gespöttelt: »Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Caesar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?«

Die Einwände sind berechtigt. Wer die strukturellen Zwänge übersieht, gewichtet falsch. Aber man muss diese Aussage mit einem Nachsatz koppeln: Innerhalb der strukturellen Gegebenheiten kommt es sehr auf die Persönlichkeit an. Das trifft auf die sogenannt grosse Politik wie auf das Alltagsgeschehen zu. Der Ausgang vieler internationaler Konferenzen hängt, mögen auch Hunderte von Delegierten daran teilnehmen, vom Geschick von zwei oder drei Personen ab. Deren Talent entscheidet über Gelingen oder Misslingen. Und in kleinen Angelegenheiten herrschen die gleichen Regeln. Es ist daher berechtigt, Aussenpolitik biografisch darzustellen. Einzelne Bundesräte und Diplomaten haben die Schweizer Aussenpolitik besonders geprägt. Sie gingen mit Rat und Tat voran. Sie setzten Massstäbe. Zudem erleichtert die biografische Darstellung, wie mir scheint, den Zugang zur Aussenpolitik. Diese wird fassbarer. Ideen und Konzepte mischen sich mit Menschlichem, zuweilen auch Allzu-Menschlichem. Das widerspiegelt die Wirklichkeit getreuer, als wenn man den politischen Gehalt von den handelnden Menschen loslöst.

Aber die biografische Sicht hat, dessen bin ich mir bewusst, auch unübersehbare Nachteile. Vieles wird einer Person zugeschrieben, was im Grunde aus der Anstrengung von vielen resultiert. Zehn bleiben im Dunkeln, einen stellt man ins Licht. So kommt im Kapitel über Max Huber dessen fruchtbare Zusammenarbeit mit den Bundesräten Calonder und Motta oder mit dem Genfer Professor William Rappard wohl etwas zu kurz. In der Schweizer Aussenpolitik ist es besonders problematisch, personenbezogen vorzugehen. Denn wenn es eine Aussenpolitik in der Welt gibt, die gerade nicht die Handschrift von Einzelpersonen trägt, dann ist es die eidgenössische. Nicht ein Aussenminister fällt die Grundsatzentscheide, sondern der Bundesrat, ein Kollegium. Gesamthaft trägt er die Verantwortung. Und in den allerwichtigsten Fragen entscheidet der Souverän, das Volk. Das Schweizer Staatswesen ist auf die Allgemeinheit hin angelegt. Es schiebt nicht die Einzelperson in den Vordergrund. Vielmehr ist man jedem Personenkult abhold. Man vertraut mehr der Vernunft des Volks als der Staatskunst von Einzelnen oder Eliten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es, von einer Ausnahme abgesehen, nicht einmal rein äusserlich möglich, die Aussenpolitik mit einem Bundesrat in Verbindung zu setzen. Denn der Vorsteher des Politischen Departements wechselte im jährlichen Turnus.

Wenn ich trotzdem sieben Persönlichkeiten und deren aussenpolitische Leistungen darstelle, dann in der Überzeugung, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen. Dabei geht es mir weniger darum, Lebensläufe in allen Einzelheiten zu schildern. Das Biografische soll nur das Verständnis aussenpolitischer Zusammenhänge erleichtern. Vielmehr möchte ich aufzeigen, wie gewisse Ideen, namentlich die Neutralität, die Schweizer Aussenpolitik durchziehen. Sie prägen die gesamte Geschichte, wechseln indes je nach Epoche ihren Gehalt. Solche Schnittstellen, wo Ideen eine neue Wendung nehmen, wollte ich offenlegen. Zum Beispiel: In der Amtszeit von Minister Kern empfand man erstmals das Bedürfnis, das Privileg der Neutralität mit solidarischen Taten zu ergänzen; Numa Droz suchte, beinahe avantgardistisch, eine aktive Neutralitätspolitik einzuschlagen; Max Huber rang sich, wenngleich schweren Herzens, von der integralen zur differenziellen Neutralität durch; Max Petitpierre legte die Neutralität in der Nachkriegszeit wieder rigoroser aus; und Edouard Brunner verhalf den Gedanken der Neutralität mit einem Engagement in den Menschenrechten zu verbinden. Ausser Schnittstellen aufzuzeigen, sollten die einzelnen Porträts noch eine andere Aufgabe erfüllen: Sie sollten jeweils für einen ganzen Zeitabschnitt stehen und untereinander eine Kette bilden. Die vorliegende Abhandlung möchte ein Panorama der Schweizer Aussenpolitik bieten, das vom Wiener Kongress bis an die Schwelle zur Gegenwart reicht.

Welche Personen genügen den doppelten Kriterien? Für das 19. Jahrhundert fiel die Wahl nicht schwer. Sie lag sozusagen auf der Hand. Charles Pictet de Rochemont handelte auf dem Wiener Kongress die internationale Anerkennung der ständigen Neutralität aus. Dafür erntete er schon von der Tagsatzung höchste Anerkennung. Johann Konrad Kern ist der erste professionelle Diplomat des neuen Bundesstaates. Er legte das Rüstzeug für einen aussenpolitischen Apparat. Numa Droz ist der erste Bundesrat, den man zu Recht als Aussenminister bezeichnen kann. Mit ungewohntem Elan versuchte er der Schweiz eine aktive Aussenpolitik zu verschreiben. Schwieriger wird die Auswahl im 20. Jahrhundert. Das Angebot wird breiter, die Selektion delikater, vor allem je näher man an die Gegenwart heranrückt. Ich habe mich für Max Huber, die Bundesräte Motta und Petitpierre sowie Edouard Brunner entschieden. Warum? Max Huber setzte sich wie kein Zweiter für eine Verrechtlichung der internationalen Beziehungen ein. Er wollte das Recht auf Kosten der Macht stärken. Seine Vorschläge für die Streitschlichtung und sein Einsatz für den Beitritt zum Völkerbund bilden in dieser Hinsicht einen Höhepunkt in der Schweizer Aussenpolitik. Giuseppe Motta, der bedeutendste Aussenpolitiker, den die Schweiz je stellte, ist Pflichtfach – aber auch ein Musterfall dafür, wie ein Idealist von Natur aus unter den Zeitzwängen einen realpolitischen Kurs verfolgen muss. Max Petitpierre führte die Schweiz am Ende des Zweiten Weltkriegs aus einem aussenpolitischen Tief heraus und prägte mit seiner vorsichtigen Politik die zweite Jahrhunderthälfte massgeblich. Schliesslich Edouard Brunner. Warum gerade er unter den Zeitgenossen? Weil er der kreativste war. Mit seinem Flair für politische Zusammenhänge wuchs die Schweiz in der KSZE über sich hinaus – und dies ausgerechnet in einem Forum von der Art, wie die Schweiz sie bisher gescheut hatte: einer rein politischen Konferenz.

Bücher über die Geschichte der Schweizer Aussenpolitik haben kaum Konjunktur, zumal wenn sie in den Zeitraum vor den Zweiten Weltkrieg vorstossen. Warum habe ich dennoch eines geschrieben? Vorab weil es interessant ist zu wissen, wie es war; und sodann, weil es lehrreich ist zu erfahren, wie sich die Schweizer Aussenpolitik mit ihren Ideen, aber auch mit ihrem Apparat, auf den heutigen Zustand hin entwickelt hat. Vieles kann man, so abgedroschen es tönen mag, nur in einem historischen Kontext verstehen. Auf die Schweizer Aussenpolitik trifft diese Feststellung wegen der grossen Bedeutung, welche die Neutralität hat, besonders zu. Denn alle Erwartungen, welche die Neutralität für die Zukunft weckt, leiten sich ab aus der reichen historischen Erfahrung. Eine Neutralität ohne historische Dimension ist ein Schatten ihrer selbst.

Diesem Buch liegt das Verständnis zu Grunde, dass die Geschichte eine Lehrmeisterin ist. Sie vermittelt Kenntnisse und Einsichten zur Staatskunde, sie lässt an den Erfahrungen anderer teilhaben. Ob man aus der Geschichte die richtigen Lehren zieht, steht allerdings auf einem andern Blatt geschrieben. Und ob man genügend alert ist, um die historischen Vorgaben mit den veränderten Rahmenbedingungen der Gegenwart zu synchronisieren, ist ebenfalls eine offene Frage. Wer indes die Geschichte studiert, hat zumindest die Chance, dass er Fehler, die andere begangen haben, vermeiden kann. Er kann Ursache und Wirkung von Ereignissen wie in einem Sandkasten überprüfen – und Folgen für das eigene Handeln daraus ziehen. Ein gründliches Studium der Geschichte und der Philosophie bereitet, meint Henry Kissinger, am besten auf die Staatsgeschäfte vor. Ich teile diese Ansicht.

Zum Schluss möchte ich festhalten, dass dieses Buch ausschliesslich die persönliche Meinung des Autors wiedergibt. Es verpflichtet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten in nichts.

 

Zagreb, im Sommer 2002

P. S. 1   Die Texte aus dem Französischen, Englischen und Italienischen übersetzte ich im Allgemeinen selbst. Auf Französisch zitierte ich zuweilen kürzere und einfachere Passagen im Original; im Englischen machte ich, auf breitere Sprachkenntnisse zählend, davon grosszügiger Gebrauch.

P. S. 2   Die diplomatischen Titel bereiten den Unvertrauten häufig Schwierigkeiten. Deshalb einige Erklärungen. Bis Mitte der fünfziger Jahre hatte die Schweiz, ausser den konsularischen Vertretungen, nur Gesandtschaften oder Legationen. An deren Spitze stand ein Gesandter oder Minister, seine Mitarbeiter waren, hierarchisch abgestuft, Gesandtschafts- oder...



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